Das Rattenbuch von Mehrandokht Feizi

  • 25. Oktober 2025
Das Rattenbuch von Mehrandokht Feizi
© Mehrandokht Feizi
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Eine Frau, ein Tier, eine Wohnung: In einer fremden Stadt, zwischen Ablehnungsbescheiden und Zigarettenkippen, stemmt sich eine Frau gegen den Zerfall – und gegen einen Eindringling, der sich in ihre Wohnung frisst und nicht mehr gehen will. Das Rattenbuch erzählt mit schwarzem Humor, scharfem Blick und radikaler Ehrlichkeit von Einsamkeit, Widerstand und der Suche nach Bedeutung in einer fremden Welt. Ein literarisches Kammerspiel zwischen Absurdität, Verzweiflung – und unerwarteter Hoffnung. 

LaDOC-Mitglied Mehrandokht Feizi hat mit „Das Rattenbuch“ einen Roman hingelegt, den man nicht mehr aus der Hand legen möchte. LaDOC-Mitglied Mirjam Leuze hat sich mit Mehrandokht Feizi über den Entstehungsprozess des Buches unterhalten: 

„Eigentlich wollte ich schon immer Schriftstellerin werden, eine die total ehrlich ist“ erzählt Mehrandokht Feizi. Gedichte schreibt sie, seit sie denken kann. Mit 15 Jahren verfasst sie ihre ersten Kurzgeschichten , dann kommt die Faszination für die Fotografie dazu und so verbindet Feizi ihre beiden Leidenschaften, das Schreiben und das Visuelle in einem Film-Studium in Teheran/Iran. 

Dass hier eine Filmemacherin schreibt, merkt man bei jedem Satz. Beim Lesen entstehen sensorisch aufgeladene Bilder, die sich wie von selbst zu einem Film zusammenfügen: 

„Jetzt – was sollte ich tun, um mich von diesem einsamen, mich anstarrenden Mond zu befreien? Ich suchte nach etwas Wertvollem in diesem Durcheinander, als plötzlich eine Hand aus meinem Inneren herauskam, mich am Kragen packte und vor meine Kiste mit unerfüllten Wünschen schleifte. Neben den wertlosen Träumereien, von denen jede einzelne einst wie ein strahlender Stern geglänzt hatte, lag eine lange Liste vor mir. Eine prall gefüllte Liste mit Dingen, die ich erledigen musste, darunter viele Filme, die ich eigentlich schon vor Jahren hätte sehen sollen – doch irgendwie war ich jedes Mal davon abgekommen.“ 

So lernen wir Banu Human, die Protagonistin des Romans auf den ersten Seiten kennen. Und dann tritt etwas sehr Unwillkommenes in Banu Humans Leben: Eine Ratte, die es sich in ihrer Wohnung gemütlich macht. „Die Ratte ist eine Metapher für all das, was wir nicht in unserem Leben haben wollen“, erklärt Mehrandokht Feizi. Ein ungebetener Gast, von dem nicht klar ist was er oder sie von uns will. Sucht sie Schutz und Hilfe? Oder ist sie ein Eindringling, der unseren Platz einnehmen möchte?

Was es bedeutet, wenn das „Ungewollte“ eintritt und das Leben, oder antagonistische Kräfte – um in der Filmsprache zu bleiben – einem einen Plot aufzwingen, den man sich nicht selbst ausgedacht hat, weiß Feizi aus eigener Erfahrung. Als Teilnehmerin eines Austauschprogramms mit einer deutschen Filmuniversität geriet sie in den Fokus des Geheimdienstes. Mehrandokht Feizi konnte nicht mehr in den Iran zurückkehren. „Damit habe ich von jetzt auf gleich alles verloren, was ein Mensch verlieren kann.“ 

Seit 2009 lebt sie in Wuppertal. „Im Exil musste ich meine Sprache – mein geliebtes Persisch – zur Seite legen, um mich auf die deutsche Sprache zu konzentrieren. Ich hatte eigentlich damit abgeschlossen jemals wieder zu schreiben.“ 

Dann kam die Pandemie, gerade als sie ihre zweite Weiterbildung erfolgreich abgeschlossen hatte und eigentlich durchstarten wollte. Zwei Jahre saß ich zuhause. Ich dachte, ich muss schreiben, sonst verliere ich noch meine eigene Sprache.

Feizi schrieb auf Persisch. „Die Geschichte floss einfach aus mir raus“, erinnert sie sich. Und dann passierte etwas Sonderbares: „Nach dem ersten Drittel schmuggelten sich plötzlich deutsche Sätze in den Text und es fing an ein Mix zu werden.“ Ein verwirrender Prozess. „Irgendwann habe ich gelernt mit meiner Fantasie in zwei Sprachen – dem Persischen und dem Deutschen, umzugehen. Ich habe gesagt: „Bleibt beide da, wir finden einen Weg.““

Der weitere Schreibprozess war mühsamer. Wie eine Jongleurin bewegte sich Feizi zwischen dem Persischen und dem Deutschen. So entstand eine persische Version des Buches und im zweiten Gang eine deutsche. Die bildhafte Sprache des Persischen ist auch im Deutschen erhalten geblieben. Das macht das Buch sprachlich zu einem besonderen Leseerlebnis. 

Und nicht zuletzt ist das Buch auch eine literarische Liebeserklärung an Wuppertal: Unten im Tal floss ein flacher Fluss, über den sich eine lange, eiserne Konstruktion erstreckte, die an einen gigantischen Tausendfüßler erinnerte: Eine Reihe seiner Beine am einen Ufer, die andere am gegenüberliegenden, während sein Körper aus Schienen bestand, an denen hängende Züge fuhren. Seltsam.

Feizi benutzt die deutsche Sprache wie eine erfahrene Rennfahrerin, die in einem Sportwagen fährt, den sie ganz neu kennenlernt und entlockt dem Fahrzeug damit Sprints, die einen auf einen rasanten Sprachtrip mitnehmen und einen magischen Sog entfalten.

Mit „Das Rattenbuch“ hat Mehrandokht Feizi ihr Debüt als Schriftstellerin hingelegt und einen packenden Page-Turner im wahrsten Sinn des Wortes geschrieben. Große Leseempfehlung. 

Das Rattenbuch von Mehrandokht Feizi
© Mehrandokht Feizi


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